Im 19. Jahrhundert wird die Eisenbahn zum »Treffpunkt der guten (und manchmal weniger guten) Gesellschaft« (Walter Jens). Vom König bis zum einfachen Rekruten, vom Industriemagnaten bis zur Fabrikarbeiterin – fast alle sind gelegentlich mit der Eisenbahn unterwegs. Diese radikalintegrative Funktion trägt ihr bei den Zeitgenossen den Ruf als Nivelliermaschine ein, die soziale Gegensätze zum Verschwinden bringe und den Weg in eine Gesellschaft der Gleichen ebne. Demgegenüber steht allerdings die Segregation der Passagiere, nach Klasse, Geschlecht und »Rasse«. Niklas Weber untersucht diese Praktiken der Trennung und ihren Wandel. Er beleuchtet die Diskurse und Erzählungen, die sich daran angeschlossen haben: vom Antagonismus der Klassen und sozialer Mobilität, von der Liebe auf den ersten Blick und sexueller Gewalt, von rassistischen Diskriminierungen und antisemitischen Epiphanien. Fast fünfzig Jahre nach Wolfgang Schivelbuschs Klassiker erzählt er die Geschichte der Eisenbahnreise neu, als Kulturgeschichte sozialer Differenzen und Konflikte.
»Niklas Webers Geschichte der Eisenbahnreise im 19. Jahrhundert wartet mit überraschenden Funden auf. Manchmal hat die historische Forschung einen seelischen Nutzen für die Gegenwart. Wer dieser Tage zu einer Zugfahrt aufbricht, sollte die Eisenbahngeschichte von Niklas Weber mitnehmen. Denn sollte es zu Verspätungen kommen, könnte man nachlesen, wie manche Menschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Pünktlichkeit der modernen Postkutschen als Verlust an Lebenspoesie erfahren haben.«
- Johann Hinrich Claussen, FAZ, 13.04.2026
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Über Niklas Weber
Niklas Weber ist Historiker und Kulturwissenschaftler und derzeit am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam beschäftigt.
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