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Bürokratie verstehen statt Bürokratie beklagen Stefan Kühl geht in seinem neuen Buch von einer einfachen Beobachtung aus: Kritik an ausufernder Bürokratie ist inzwischen allgegenwärtig. Doch die Forderungen nach weniger bürokratischen Regeln können noch so laut sein, die Programme zum Bürokratieabbau noch so ambitioniert – die Bürokratie scheint dennoch immer weiter zu wachsen. Das Buch entwickelt die These, dass ausgerechnet Maßnahmen zur Entbürokratisierung zu den wichtigsten Treibern neuer Bürokratie werden. Die Steuerung von Verwaltungen über Ziele, die Verwettbewerblichung staatlicher Leistungen oder Strategien der Deregulierung erzeugen neue Dokumentations-, Kontroll- und Abstimmungsanforderungen und damit neue Formen von Bürokratie. Das Buch ordnet die oft unübersichtliche Debatte über Bürokratie systematisch: Es unterscheidet zwischen unterschiedlichen Formen der Bürokratiekritik, rekonstruiert zugleich die Leistungsfähigkeit bürokratischer Organisationen und erklärt Bürokratie aus der Logik von sogenannten Konditionalprogrammen – den für Verwaltungen typischen Wenn-dann-Regeln. Aus dieser Perspektive werden sowohl die Stärken der Bürokratie – Berechenbarkeit, Gleichbehandlung und Rechtssicherheit – als auch ihre typischen Dysfunktionalitäten verständlich. Im Zentrum steht dabei eine funktionalistische Analyse: Bürokratie wird nicht als bloßes Problem behandelt, sondern als Lösung für andere Probleme, die ihrerseits neue Nebenfolgen hervorbringt. Dasselbe gilt für den Bürokratieabbau. Die verbreitete Vorstellung, Bürokratie lasse sich durch immer neue Reformprogramme beseitigen, erweist sich als Teil des Problems. Abschließend entwickelt das Buch eine alternative Perspektive auf den Umgang mit Bürokratie. Statt immer neue Entbürokratisierungsprogramme zu fordern, zeigt es, welche Rolle begründete Regelabweichungen und der professionelle, situationsangemessene Umgang mit Regeln für die Funktionsfähigkeit moderner Organisationen spielen können.

Über Stefan Kühl

Stefan Kühl studierte Soziologie und Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld, der Johns Hopkins University in Baltimore, der Université-X-Paris Nanterre und der University of Oxford. Nach Tätigkeiten an der Universität Magdeburg, der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg ist er derzeit Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld. Er ist Senior Consultant bei der Firma Metaplan in Quickborn bei Hamburg und hat in verschiedenen Beratungsprojekten in Europa, Asien, Afrika und im Nahen Osten zu Gesetzesverstößen und Regelabweichungen von Organisationen gearbeitet.

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