Lebe ich mein Leben oder werde ich gelebt? Diese Frage stellen sich heute immer mehr Führungskräfte. Warum ist das so?
André Häusling, Thorsten Reitz: Diese Frage trifft den Nerv unserer Zeit – und zwar nicht nur bei Führungskräften, sondern auch bei allen anderen Menschen. Morgens erstellen wir pflichtbewusst unsere To-do-Liste, doch wie oft ist sie schon nach der ersten Stunde Makulatur? Denn dringende Anfragen, spontane Meetings, kurzfristige Änderungen und Kriseninterventionen bestimmen den Tag und statt zu gestalten, reagieren wir häufig nur noch. Das Frustrierende daran ist, dass sich am nächsten Morgen genau dieses Muster wiederholt – täglich grüßt das Murmeltier: Wir schreiben neue Listen, die wir wieder nicht abarbeiten können, und der Blick für die wirklich wichtigen Themen geht in diesem Hamsterrad verloren.
Der Druck kommt von allen Seiten gleichzeitig: Karriereziele erreichen, körperlich fit bleiben, die Partnerschaft pflegen, für die Kindern da sein etc. Das Perfide daran ist, dass Social Media uns täglich weismacht, dass andere all das mühelos schaffen. Wir kennen dieses Gefühl, wenn zwischen dem frühmorgendlichen Vorbereitungs-Call für das spätere Status-Meeting und dem privaten Abendtermin kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Aus all den Meetings nimmst du dann zudem noch neue Aufgaben und Themen mit. Kein Wunder also, dass die Sehnsucht nach Klarheit und Selbstbestimmung bei vielen wächst.
Ihr sagt, die Führungsarbeit ist anders geworden, komplexer. Warum und was ist die Konsequenz daraus?
André Häusling, Thorsten Reitz: Führung hat sich fundamental verändert: In einer stabilen Welt reichten stabile Routinen und Einzelziele, heute aber brauchen wir Anpassungsfähigkeit und müssen multiple, vernetzte Ziele gleichzeitig verfolgen. Die gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen haben diesen Wandel dramatisch beschleunigt – wir führen jetzt hybride Teams, KI ist in aller Munde und viel Unternehmen sind gerade auch in wirtschaftlich herausfordernden Situationen. Eine Welt ständiger Veränderung.
Der nötige Paradigmenwechsel betrifft alle Ebenen: Statt isolierter Produktivitätstechniken brauchen wir einen ganzheitlichen Ansatz, der alle Lebensbereiche integriert. To-do-Listen führen heute oft zur Überforderung, Not-to-do-Listen hingegen helfen uns, uns vom Ballast zu befreien und wieder mehr Fokus zu bekommen.
Hier setzt unser rADAR-Modell an: Es bietet einen pragmatischen, dynamischen Rahmen für die Selbstführung in einer komplexen Welt. Denn bevor du andere führen kannst, musst du dich selbst wirksam führen können – mit Methoden, die zur heutigen Zeit passen.
Wofür steht »rADAR«, dass dem Modell in Eurem Buch zugrunde liegt?
André Häusling, Thorsten Reitz: Das r steht für »radical« – nicht im Sinne von Extremismus, sondern im ursprünglichen Wortsinn: »an die Wurzel gehend«. Es geht um einen grundlegenden, konsequenten und kompromisslosen Ansatz, der bei den Ursachen unserer Überforderung ansetzt. Radikal bedeutet hier: klarer Fokus statt Verzettelung, entschlossenes Handeln statt endloser Planung, systematisches Lernen aus Erfahrungen und mutiges Anpassen, wenn es nötig ist.
»ADAR« beschreibt die vier Kernschritte unseres kontinuierlichen Prozesses:
- A - Auswählen: Bewusste Priorisierung statt reaktivem Handeln. Hier schärfst du deinen Fokus, sortierst Themen, planst und entscheidest, was wirklich wichtig ist.
- D - Durchführen: Der Schritt vom Denken ins Tun. Keine endlosen Planungen, sondern konsequentes Handeln – auch wenn Hindernisse auftauchen oder Ablenkungen locken.
- A - Anpassen: Flexibler Umgang mit Veränderungen. Hier überprüfst du regelmäßig deine Fortschritte und justierst bei Bedarf deine Strategie, ohne das große Ziel aus den Augen zu verlieren.
- R - Reflektieren: Zeit für bewusstes Innehalten. Dieser oft vernachlässigte Schritt hilft dir, aus Erfahrungen zu lernen und tiefere Einsichten zu gewinnen.
Das Besondere an rADAR ist nicht die einmalige Anwendung, sondern der regelmäßige »Herzschlag« – ein 14-tägiger Zyklus, der in einer sich ständig verändernden Welt verlässliche Struktur und Orientierung bietet.
Welches Mindset ist nötig, um mit Radical Self-Leadership zu beginnen?
André Häusling, Thorsten Reitz: Für Radical Self-Leadership braucht es vor allem die Entschlossenheit und Selbstverantwortungsbereitschaft, wieder selbst ans Steuer des Lebens zu treten. Es geht um die aktive Gestaltung der eigenen Realität – darum, sein Leben zu lenken, statt nur Passagier zu sein. Diese Haltung ist der erste, entscheidende Schritt.
Wesentlich ist auch die Bereitschaft, sich voll und ganz auf seine Entscheidungen einzulassen. Wenn du einen Weg wählst, dann gehe ihn mit voller Kraft – halbherzige Verpflichtungen führen selten zum Ziel. Gleichzeitig brauchst du die Weisheit zu erkennen, wenn Anpassungen nötig sind. Für nachhaltigen Erfolg ist der regelmäßige Blick auf die Fortschritte und die Bereitschaft, den Kurs zu korrigieren, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, entscheidend.
Dazu kommt die Neugier, neue Wege zu erkunden. In unserer schnelllebigen Welt ist die Offenheit für ungewohnte Perspektiven und Lösungsansätze unverzichtbar – hierzu muss man bereit sein, dazuzulernen und alte Überzeugungen loszulassen, wenn sie nicht mehr dienlich sind. Und schließlich braucht es die Courage, voranzugehen, auch wenn der Weg ungewiss erscheint. Dieser Mut zeigt sich in klaren Entscheidungen, in der Bereitschaft, gegen den Strom zu schwimmen, und in der Fähigkeit, »Nein« zu sagen, wenn etwas nicht mit den eigenen Prioritäten übereinstimmt.
Führungskräfte wollen oft viel erreichen und gehen dabei über ihre Grenzen. Habt Ihr einen Tipp, wie man sich die eigenen Grenzen klarmachen kann – wie man den Unterschied zwischen gefordert sein und überfordert sein erkennt?
André Häusling, Thorsten Reitz: Eine der wirksamsten Methoden ist das tägliche Journaling, das wir im Buch beschreiben. Durch regelmäßiges Aufzeichnen von Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen entsteht ein ungeschöntes Bild des eigenen Zustands. Beim Zurückblättern werden Muster erkennbar, z.B. mehrfache Wiederholungen darüber, wie erschöpft man ist oder wie wenig Zeit für Erholung bleibt. Diese ehrlichen Aufzeichnungen wirken wie ein Frühwarnsystem, bevor der Körper deutlichere Signale sendet.
Das rADAR-Modell kann Menschen zusätzlich unterstützen, indem es Transparenz über alle anstehenden Themen und Aufgaben schafft. Im Schritt »Auswählen« macht es bewusst, was gerade alles auf dem Tisch liegt. Die hierbei gewonnene Klarheit hilft dabei, den (vielleicht gerade zu großen) Berg an Anforderungen nicht mehr nur diffus, sondern konkret zu sehen – und man kann entsprechend steuern.
Der »Circle of Influence« ergänzt diese Werkzeuge perfekt: Er hilft zu unterscheiden, wo die Energie wirklich etwas bewirken kann und wo sie verschwendet wird. Viele Führungskräfte verausgaben sich für Dinge, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen – Ziel ist jedoch, sich bewusst auf den eigenen direkten Einflussbereich zu fokussieren.
Diese Kombination aus ehrlicher Selbstreflexion durch Journaling und systematischer Transparenz durch rADAR ermöglicht es, die Grenzen rechtzeitig zu erkennen und proaktiv zu handeln, bevor es zur Überlastung kommt.
Wie wichtig ist es, sich eine Vision für die Zukunft zu erarbeiten, wenn man die Gegenwart radikal ändern möchte?
André Häusling, Thorsten Reitz: Ein Zukunftsbild ist absolut entscheidend – aber anders, als viele denken. In unserer dynamischen Welt braucht es für jede Reise mindestens zwei Punkte: den aktuellen Standort und eine Vorstellung davon, wohin man will. Deshalb beginnt unser rADAR-Prozess mit einer gründlichen Standortbestimmung, bei der Klarheit über die eigenen Werte, Glaubenssätze und aktuelle Situation gewonnen werden.
Darauf aufbauend entwickelt man ein persönliches Zukunftsbild für unterschiedliche Zeithorizonte – sieben Jahre, drei Jahre und ein Jahr. Diese gestaffelte Herangehensweise schafft sowohl langfristige Orientierung als auch konkrete, umsetzbare Ziele. Wichtig zu verstehen: In unserer komplexen Welt entsteht ein Zukunftsbild häufig erst durch aktives Handeln. Oft wissen wir zu Beginn nicht genau, was wir wollen, sondern entdecken es Schritt für Schritt. Deshalb gilt: Lieber konkret anfangen und verschiedene Wege ausprobieren, um dein Zukunftsbild schrittweise zu entwickeln und zu schärfen.
Wenn wir dann ein Zukunftsbild haben, wirkt es als kraftvoller Orientierungspunkt in einer unübersichtlichen Welt. Es ist wie ein Leuchtturm, der dem Menschen bei jedem Wetter die Richtung weist. Genau diese Klarheit ermöglicht eine stärkere Selbstbestimmung – man sitzt wieder am Steuer seines Lebens, statt von äußeren Umständen getrieben zu werden. Ein wirksames Zukunftsbild löst dabei immer Emotionen aus – Begeisterung, aber vielleicht auch eine Mischung aus Respekt und gesunder Angst. Diese emotionale Verbindung vermittelt die nötige Kraft, auch durch Unsicherheiten zu navigieren.
Dennoch: Das Zukunftsbild muss flexibel bleiben, denn es ist kein in Stein gemeißelter Fünfjahresplan, sondern ein lebendiger Orientierungspunkt, den man regelmäßig im Anpassungs- und Reflektionsschritt des rADAR-Modells überprüft und justiert.
Euer Buch, sagt Ihr, kann auch im Privatleben einiges bewegen: Habt Ihr ein Beispiel dafür, was das heißen kann?
André Häusling, Thorsten Reitz: Von Anfang an haben wir Radical Self-Leadership aus einer ganzheitlichen Perspektive entwickelt, das in allen Lebensbereichen wirksam ist – nicht als Business-Methode, die wir nachträglich ins Private übertragen. Die Prinzipien guter Selbstführung funktionieren überall, ob im Job, in der Familie, bei Finanzen, Gesundheit oder sozialen Beziehungen.
Ein besonders wirksames Beispiel sind regelmäßige Familienretrospektiven, die dem »Reflektieren«-Schritt des rADAR-Modells entsprechen: Eine 30-minütige monatliche Zusammenkunft, bei der alle Familienmitglieder besprechen, was gut lief und was verbessert werden könnte, kann die Familiendynamik grundlegend verändern. Kinder und Partner lernen, ihre Gedanken zu äußern und konstruktives Feedback zu geben, zudem werden Probleme frühzeitig angesprochen, bevor sie eskalieren. Diese sanktionsfreien Gespräche bauen Vertrauen auf und fördern die Kommunikation auf Augenhöhe.
Im Vereinsleben hat sich die Implementierung eines Taskboards als Gamechanger erwiesen. Mit Spalten wie »Zu erledigen«, »In Arbeit« und »Erledigt« behalten alle Ehrenamtlichen den Überblick über die anstehenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Da im Ehrenamt niemand verpflichtet werden kann, schafft diese Transparenz eine ganz neue Dynamik: Aufgaben werden fair verteilt, die eventuelle Überlastung einzelner Personen wird sichtbar und der gemeinsame Fortschritt motiviert alle Beteiligten. Die Erfolgsquote von Projekten steigt merklich, während der Koordinationsaufwand sinkt.
Diese Beispiele zeigen: Die Methoden des rADAR-Modells schaffen in jedem Lebensbereich Klarheit, fördern offene Kommunikation und führen zu mehr Selbstbestimmung – unabhängig davon, ob im beruflichen Kontext, in der Familie oder im sozialen Engagement.